Eine Seiltänzerin
reist durch die Welt und tritt überall da auf wo man
sie dazu einlädt.
Wieder einmal beginnt sie auf
einem neuen Platz ihr Seil aufzubauen, doch kommen ihr
laufend Geschichten in den Sinn, die sie auf ihren Reisen
aufgeschnappt hat und nun unbedingt und sofort den
Schaulustigen weiter erzählen muss. Während sie
weiter aufbaut werden Requisiten zu Waschhaus, Keller,
Hütte, Feuer..... Das Seillaufen wird zur
Nebensache, die Geschichten treten in den
Vordergrund.
Es gibt in Indien eine
Tradition, nach der man an einem bestimmten Tag die
Geschichte des Sonnengottes jemandem erzählen muss,
dem dadurch viel Gutes zuteil werden wird. Es kann aber
geschehen dass der Erzähler lange vergeblich einen
Zuhörer sucht, erst am Ende des Tages endlich eine
schwangere Frau sich bereit erklärt zuzuhören,
die dann nach den Anstrengungen des Tages schon zu Beginn
der Geschichte einschläft. Doch im Bauch der Mutter
gibt es ja noch ein Menschlein, das bestimmt zuhören
würde, um später schon als Glückskind auf
die Welt zu kommen.
Wie die indischen
Geschichtenerzähler drängt es auch die
Seiltänzerin, ihre wunderlichen Geschichten weiter
zu geben. Es sind uralte Märchen die aber in allen
Zeiten wieder geschehen.
Märchen üben schon
früh eine grosse Anziehungskraft auf Masha Dimitri,
aus. Diese Leidenschaft teilt sie mit ihrer Grossmutter
väterlicherseits, die einen grossen
Geschichtenschatz an ihre Enkelin weitergibt.
In guten wie in schwierigen
Zeiten findet sie immer wieder Zuflucht in der Magie der
Märchen und ertappt sich oft dabei, in einer
gewissen Situation gleich eine Geschichte zur Hand zu
haben.